mixxmaster’s blog

2009 – Alles andere wäre langweilig gewesen

Dec 30th 2009
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Jänner. Ich hatte immer noch nicht den Bücherstapel vom Sommer durch. Mit U ein in einer Menschenmenge sinkendes Schlauchboot beobachtet, mir dabei den kleinen Zeh abgefroren und mit J in alten Zeiten geschwelgt. Ich ging zum ersten Mal seit langem wieder Wandern. Ein bisschen unglücklich verliebt.

Feber. Ich fühlte mich als 14-Jähriger und hatte das passende Synonym dazu gefunden. Den Fasching ließ ich trotzdem aus. Mein Halbwissen fand den Weg in eine akademische Arbeit, ich selbst als Fußnote. Ein Text von P über Sonnenstrahlen als Ohrwurm. Eine alte Küchenrolle als Bleichmittel. Und dazwischen Trommel und Bass.

März. Ich wurde mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und in ein Lokal beordert. Danach durfte ich zum ersten Mal einen Stalker mein Eigen nennen. Im Dienste der Allgemeinheit die Nacht zum Tag gemacht und Linz von einer anderen, düsten, traurigen Seite kennen gelernt. Nach fünf Jahren Redaktionsleitung konnte ich zumindest noch das persönliche Archiv retten. Dazwischen stummes Ausweichen vor Blicken und Zwiebelkuchen, beides schlug auf den Magen.

April. Ich wurde um ein Stück älter, aber das passte ganz gut zu den anderen. Ich bekam die „Philosophische Hintertreppe“ vorgelesen und trank dazu den besten Whisky, den man in Irland finden kann. Dann war da dieses Lied, das mich eines nachts aus einem dieser geöffneten Fenster begrüßte, hoch oben über den Dächern der Altstadt.

Mai. Ich sammelte Tattoos aus Einlassstempeln am Unterarm. Existenzangst als präventive Midlife Crisis. Nachmittagsschläfchen, die bis in die späten Abendstunden andauerten, dann Kaffee mit Kuchen zum Mitternachtsfrühstück. Um halb sechs in der Früh bekam ich Besuch, der die Zuckerglasur versalzte. Ich saß vor dem Haus und lauschte dem Gezwitscher, das den Sommer begrüßte. Danach Partysani S beim Abschied seines Lebenswerks begleitet.

Juni. Ich verliebte mich in eine Stadt. Ich lag stundenlang inmitten des Hyde Parks und am Flughafen. Von der Großstadt in die Alpen. Da bin ich auf die Hütte von G geflüchtet und habe Pfeile in Kuhfladen geschossen. Ich fühlte mich mitschuldig, als T eine Klausur in den Wind schoss, zuvor wäre sie fast an Holzpoliturdämpfen erstickt worden. Ich mit einer Gabel in einer Welt voller Suppen und danach soll nichts stattgefunden haben.

Juli. Alle redeten vom Sommer. Es aushalten, dass dennoch nichts anhält. Ich hatte wieder viel hinzugelernt, unter anderem dass es manchmal besser ist, Dingen einfach ihren Lauf zu lassen. Oder dass es keine gute Idee ist, telefonierend ohne Freisprecheinrichtung an der Polizeidirektion vorbeizurasen. Ich nahm mir fest vor, dass das die letzte Lanparty als Mitverantwortlicher war. Drei wunderschöne Abende unter freiem Himmel verbracht, alle ohne Sonnenbrand, allerdings mit hunderten Gelsenstichen in den Nächten. Eine Zeitreise mit R durchlebt. T hatte schon seit Monaten keine Wäsche mehr gewaschen und gab mir die Schuld.

August. Es klebte Acryl an meinen Händen. Dann brannte der Himmel und wir lagen da, tranken Wein und wurden von Nacktschnecken und Spinnen überfallen. Am Höhepunkt des Hochsommers fuhren wir in die Therme und waren dennoch nicht allein. Man brachte mir ein lukullisches Mal, weil Liebe auch durch den Magen geht. Remoulade zum Nachtisch. Mit A in die Hallen der Festspiele eingedrungen und den Darstellern gezeigt, was Gonzo bedeutet. Zuhause fand ich vertrocknete Rosenblüten vor der Tür.

September. Wohin ich auch blickte, entweder sind sie umgezogen oder hatten zumindest die Wohnung geputzt. Ich saß bei einem kleinen Heurigen, der Sturm schmeckte nicht und mir wurde schwarz vor Augen. So viel Stoff zu schreiben, aber keine Lust dazu. Ich fühlte mich wie ein Alkoholiker, dem das Bier nicht mehr schmeckt. Aber auch der Kaffee war entkoffeiniert und Kuchen gab es nur noch zuckerfrei. Ein Monat voller Hass und Liebe, dabei die Angst als Grundlage für einen Optimismus; aber noch ganz klein.

Oktober. Schwarztee ohne Milch, aber mit Rum, Zigarettenrauchschwaden im Zimmer und draußen Salzburger Schnürlregen. Ich beendete einen kleinen Leidensweg mit ausgezeichnetem Erfolg, hatte wieder ein Ziel vor Augen, aber den Weg noch nicht genau definiert. Ich kochte zum ersten Mal eine Suppe nicht für mich. Ich lauschte gemeinsam mit A den Anekdoten eines ehemaligen Hackers und Rechtsanwalts. Ich wurde in einem gepanzerten Taxi chauffiert. Die Uni wurde besetzt und meine Fotos auf Zeitungspapier gedruckt. Ich ging mit M auf den Friedhof und ahnte nicht, dass ich bald wieder dort sein würde.

November. Mir wurde gesagt, ich hätte den besten Kaffee Salzburgs, aber es endete dann doch wieder bei Spritzer und Guinness. Ich las die gesammelten Erzählungen von Michael Köhlmeier und lauschte dem leisen Magenknurren einer zweiten Kreatur im Raum. Ich gönnte mir eine kurze Auszeit aus dem verregneten Salzburg und als ich zurückkam hatte ich meinen besten Freund verloren. Ich kämpfte mich durch Formulare und fand mich auf dem Friedhof wieder. Freunde aßen Sorgen auf, aber der Knacks wird bleiben. Ich träumte von Zahnbürsten, Handtüchern und Packungsbeilagen. Ich atmete langsam weiter und kündigte mich durch sein Leben. Es war wieder der Kaffee zum Kuchen, der meine Welt erträglicher machte. Ich war jetzt wohl erwachsen geworden.

Dezember. Die Frage, wie es mir denn ginge, ließ ich immer unbeantwortet. Die Nachbarin bringt mir seitdem regelmäßig Torten. Ich fraß mich von einer Weihnachtsfeier zur nächsten. Um mich herum in Glühweinrausch getunkte, abartige Heiterkeit. Weihnachten war dann plötzlich so da. Ohne wirklich darauf vorbereitet zu sein fand ich mich bei einer netten Familie wieder, die mir mehr als nur ihr Zuhause gab. Ich habe Geschenke bekommen, ohne darum gebeten zu haben. Eines durfte ich selber noch zu Ende basteln, es ist heimlich mein Lieblingsgeschenk. Trotz der Mühen hast du mir gefehlt und ich bin froh, wenn es vorbei ist, dieses Jahr. Aber schon morgen werde ich darauf zurückblicken und lächeln können.


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